Mit dem Latein am Ende

Roma locuta, causa finita?
Das römische Kaiserreich existiert nicht mehr, doch lebt es in vielen Redensarten fort.
Der Spruch
„Alle Wege führen nach Rom hat seinen Ursprung in einem Vermessungspunkt am Hügel des Kapitols.
Von hier aus wurde die Entfernung zu allen Orten des Reiches berechnet.
Zum geflügelten Wort wurde auch:
„Roma locuta, causa finita.“
Rom hat gesprochen, die Sache ist entschieden.

In Fragen der christlichen Lehre kommt dem Bischof von Rom als höchster Instanz in der römisch-katholischen Kirche die letzte Entscheidung zu. Er kann aber nicht einfach persönliche Ansichten zu Glaubenssätzen erklären. Dogmen werden nach langen Beratungen auf ökumenischen, weltweiten, Konzilen verkündet, im Unterschied zu Synoden, die auf regionaler Ebene entscheiden. Die häufig zitierte „Unfehlbarkeit“ des Papstes, ein Konzilsbeschluss aus dem Jahr 1870, gilt nur für Glaubens- und Sittenfragen und wurde erst einmal angewandt. Entscheidungen ex cathedra gibt es heute nicht mehr. Der Blick auf die Geschichte soll helfen, die Rolle der Kirche besser zu verstehen, insbesondere das Wirken von Papst Franziskus. Im Unterschied zu seinen Vorgängern erfreut sich der Bischof von Rom vor allem außerhalb der katholischen Kirche großer Beliebtheit. So berief sich der Rektor der Universität Klagenfurt auf den römischen Pontifex, als er die 2G-Regel für Studenten einführte, was einer Impfpflicht gleichkommt. Das verwundert, da er zugleich die Wissenschaft als Zeugin bemühte.

Ist Papst Franziskus ein Wissenschaftler? Ist er auch Arzt, weil er medizinische Produkte empfiehlt? Wie der große „Menschenfreund“ Bill Gates will auch er, dass sieben Milliarden Menschen geimpft werden. Dies wäre ein Akt der Nächstenliebe und Christenpflicht. Treudienende Bischöfe gaben diese Impfempfehlung den Gläubigen weiter.

Über Gefahren sprachen sie nicht, weil auch der Papst nicht davon sprach. Die Diözese Gurk-Klagenfurt begann im April 2021 mit
dem Aufruf: „Aus Liebe und Respekt lassen wir uns impfen!“. Die Begründung stand weiter unten kleingedruckt auf dem Plakat:

„Ich glaube, es ist ethisch, dass sich alle impfen lassen […], weil die eigene Gesundheit und auch das Leben der anderen Menschen auf dem Spiel steht. (Papst Franziskus).“

Es müssen wohl diese Worte gewesen sein, die Kardinal Dr. Christoph Schönborn dazu bewogen haben, im Stephansdom ein Impfzentrum einzurichten. Dompfarrer Toni Faber sieht darin ein  Werk der Liebe und Barmherzigkeit. Befragungen in der Warteschlange ergaben, dass sich niemand aus Nächstenliebe dazu entschlossen hat, sondern aus Angst davor, den Job zu verlieren und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu sein. Noch nie war in oder außerhalb der Kirche die Bereitschaft so groß, persönliche Ansichten eines Papstes für unfehlbar zu halten. Noch nie gab es eine Zeit, in der man Aussagen des Stellvertreters Christi zu weltlichen Themen größere Aufmerksamkeit schenkte als der Verkündigung in Glaubens- und Sittenfragen; es sei denn, Impfen
gehörte zu den guten Sitten. Noch nie wurden Priester so oft an ihren Gehorsam erinnert, wenn sie den Sinn von Weisungen in Frage stellten oder Maßnahmen nicht umsetzten, die die Würde und die Rechte des Menschen verletzen.

Manche meinen, der Papst habe wenig Einfluss auf das Geschehen in der Welt, da er nur ein geistliches Oberhaupt wäre. Sie vergessen, dass er auch Staatschef ist. Im Vatikan herrschen dieselben Gesetze wie in Indonesien, Mikronesien, Tadschikistan, Turkmenistan und bald auch in Österreich:
No jab, no job!
Wie lange wird dieses Unrecht noch dauern? Ein Ende ist nicht in Sicht. Spätere Generationen könnten zu der Erkenntnis kommen, dass alles längst beendet worden wäre, hätte der Papst wenigstens einmal ex cathedra gesprochen: „Roma locuta, corona finita!“

Herbert Stichaller, Pfarrer i. R.
Diözese Gurk-Klagenfurt

Dieses Foto habe ich am 5. März 2021 vor der Stadtpfarrkirche Villach
St. Jakob gemacht.