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Neulich

wurde ich nach Visionen gefragt, ob ich nicht eine hätte, wir bräuchten dringend welche. Visionen? Ach! Woher denn nehmen? Es ist ja mitten in der Nacht … seit Monaten keine Sonne … höchstens ein paar Glühwürmchen, die zwar lustig tanzen, aber in der tiefsten Finsternis ist ja der kleinste Hoffnungsschimmer ein helles Glühwürmchen. Visionen aber strahlen lichterloh wie die nachtscheuchende Sonne.

Das tiefe Tal zwischen den römischen Hügeln Kapitol und Palatin und Esquilin war einst ein malariaverseuchter Sumpf. Die ersten Bauern auf den Hügeln legten ihn trocken und errichteten dort ihr Forum Romanum. Sie gruben einen Kanal, die berühmte Cloaca Maxima, durch den der Sumpf in den Tiber abfließen konnte, eine wahrhaft visionäre Tat, denn sie funktioniert immer noch. Eine ähnliche Cloaca … eine Cloaca „Politica“ bräuchten wir heute, um den unermesslichen Korruptionssumpf trocken zu legen, zu dem unsere demokratiestolze Gesellschaft heruntergekommen ist. Die Vision einer Cloaca Maxima war für die Menschen, die in diesem Sumpf lebten, ein gewaltiges Unternehmen, ein ebenso gewaltiges wie der Wunsch, unsere alte Demokratie …  

Stopp! Stopp! Stopp!

 Moment mal! Eine Cloaca? Was ist DAS DENN für eine Vision? Cloaca klingt wie Kloake, und eine Kloake ist irgendwie was Negatives, Anrüchiges. It smells funny, oder? Aber Visionen sollen ja was Positives ausstrahlen, eher nach Morgen- und Rosenrot duften, nicht nach schlammigem Moder. Stimmt da was mit dem Wort nicht? Kaum hört man „Kloake“, steigt schon der Moder in die Nase. Müssen wir vielleicht auch daran etwas ändern, wie wir reden? Von der Welt und miteinander?

Ein unverkrampftes Verhältnis zur Sprache tut sicherlich not. Einer der Gründe für den Sumpf, in dem wir feststecken, ist diese verdammte (t’schuldigung!) political correctness, diese nach Moralin riechende Einengung dessen, was man sagen darf und was nicht. Wir wollen aber „aus dem Bauch heraus“ reden dürfen, denn nur was „aus dem Bauch“ kommt, kommt auch wirklich „auf den Tisch“. Um Gottes willen, schon wieder so ein anriechiger Vergleich, denn was aus dem Bauch kommt, hat im wirklichen Leben üb(e)licherweise keinen guten Ruf. Aber gerade das wirkliche Leben ist es, was uns irgendwie abhanden gekommen ist. Ein gutes, schönes, aufregendes, abenteuerliches, herzenswarmes Leben für ALLE.

Ein gutes Leben ist aber nicht notwendigerweise ein streichelweiches: Das Leben kann durchaus kratzig sein und kantig und eckig und streitbar. Nicht daß wir den Streit suchen, aber ihn nur um der guten Miene willen vermeiden ist auch nicht die Lösung, denn nur wenn ALLE Meinungen aus dem Bauch auf den Tisch kommen, können ALLE Beteiligten daraus eine gemeinsame Lösung schmieden. Was uns zurückführt zum Problem der Demokratie, unserer guten alten Demokratie, die es zunächst mal überhaupt zu retten und zu notbeatmen gilt, sie dann aber, sobald uns das gelungen ist, von Grund auf zu erneuern und auf die Füße ALLER Menschen zu stellen. Die alte Demokratie war den Versuch wert, nämlich insofern, als er ihre Schwächen zum Vorschein brachte: Sie stand eben nicht auf den Füßen ALLER, sondern nur ausgewählter Vertreter, die sich heute wie Könige benehmen und offenbar sogar glauben, welche zu sein. Weg damit. Spülen wir sie in den Tiber der Geschichte.

DAS ist eine Vision

und zwar eine, wie sie noch nie unternommen wurde. Das ist die Herausforderung, das müssen wir erst lernen. Es mag im Laufe der Geschichte da und dort kleinere Gemeinschaften gegeben haben, die für einige Zeit lang basisdemokratische Strukturen gelebt haben, aber noch nie hat es eine Gesellschaft gegeben, in der viele Millionen Menschen ihren ganz persönlichen Anteil am Gewinn, aber auch den Risken und Nebenwirkungen demokratischer Entscheidungen miterleben konnten. Von den gelegentlichen  Versuchen in kleinen Maßstäben können wir viel lernen und es zahlt sich aus, dieselben zu studieren. Auch eine Studienreise zu unseren Schweizer Nachbarn kann nicht schaden, auch wenn selbst die Schweiz von unserer Vision einer basisdemokratischen Weltgemeinschaft noch ein kleines Stückchen weit entfernt zu sein scheint (jedenfalls macht man auch dort in weiten Kreisen den gegenwärtigen Un- und Wahnsinn offenbar begeistert mit).

Aber mit Visionen ist das so eine Sache; nur wenigen Auserwählten fallen sie vom Himmel in den Schoß. Wir Normalsterbliche müssen den Visionen eine Chance geben, sich zu zeigen, indem wir jeder Spur nachgehen. Suchen wir unsere Herzenswünsche. Legen wir sie auf den Tisch. Es ist besser, selber schlechte Ideen einzubringen, als auf die guten der anderen zu warten: Vielleicht kitzelt ja die magere Idee im eigenen Hirn die fetten in den anderen heraus.

Die Vision, die wir im Moment aber am dringendsten brauchen ist der Mut zur Öffnung unserer Herzen, denn von dort kommen die besten Ideen. Steht auf Leute, und räumt alles weg, was den Blick auf euer Herz verstellt.

Manfred Bibiza, Mitglieder von der dieBasis

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